Die Fahrt nach Hamburg
Hamburg, einer der großen Auswandererhäfen Norddeutschlands, war die letzte europäische Stadt, in der Georg Meyer und seine Familie waren, bevor sie Europa verließen. Nach der Abreise aus Unterschlatt am 18. Juni 1852 reiste die Familie zu Land nach Basel und von dort mit der Eisenbahn — damals noch ein lückenhaftes Netz frisch eröffneter Regionalstrecken — nach Hamburg. Der Zeitraum von zehn Tagen zwischen der Abreise aus der Schweiz und der Einschiffung am 28. Juni entspricht der Reisezeit zuzüglich der vor jeder Abfahrt erforderlichen Formalitäten: Registrierung der Passagiere, Gesundheitskontrolle und Warten auf den Abfahrtstermin des Schiffs.
Im Register des Auswanderungsamts erscheint Georg Meyer als „Landmann" verzeichnet, eingeschifft auf der Marbs unter dem Kommando von Kapitän Peters, mit Ziel Santos. Genau diese Art von Registrierung, Hafen für Hafen, erlaubt es heute, die Reise so detailliert zu rekonstruieren: Name, Geburtsort, Schiffsname, Ziel und Abfahrtsdatum — alles handschriftlich auf derselben Seite vermerkt, auf der auch die Murbach aus Gächlingen erscheinen.
Die Marbs war ein dreimastiges Holz-Segelschiff, gebaut auf der Werft Johann Marbs — kein Dampfschiff. Die Atlantiküberquerung mit Segelschiffen, 1852 noch üblich (die Dampfschifffahrt setzte sich erst in den folgenden Jahrzehnten durch), dauerte je nach Wind und Route bis zum Hafen von Santos zwischen 30 und 60 Tagen. Die Bedingungen an Bord waren oft hart: überfüllte Zwischendecks, knappe Verpflegung, rationiertes Wasser und Ausbrüche von Krankheiten wie Cholera, Typhus und Masern, die vor allem Kinder das Leben kosteten.
Zeitleiste
Abreise aus der Schweiz
Laut Staatsarchiv Thurgau verlässt Georg Meier/Meyer die Schweiz mit der ganzen Familie — Ehefrau und neun Kinder. Die Familie reist zu Land nach Basel und dann mit der Bahn nach Hamburg.
Ankunft in Hamburg
Hamburg war einer der großen Auswandererhäfen Mitteleuropas. Dort schiffen sich Meyer und Murbach — aus benachbarten Schweizer Dörfern — nach Brasilien ein.
Einschiffung auf der Marbs
Das Schiff Marbs verlässt Hamburg mit Ziel Santos. Die Passagierliste verzeichnet: „Meyer, Georg — Unterschlatt, Schweiz." Dasselbe Schiff transportierte mehrere Familien und Einzelpersonen namens Murbach, aus Gächlingen.
Atlantiküberquerung
Die Reise bedeutete einen radikalen Bruch: den Abschied von Gemeinden, Höfen, Nachbarn, Kirchen und Verwandten, um den Ozean zu überqueren — hin zu einem Land, das vielen Auswanderern vor allem durch die Versprechen von Auswanderungsagenten und Kolonisationsgesellschaften bekannt war.
Ankunft in Santos
Die Landung war nicht das Ende der Reise — es folgte noch eine lange Landreise ins Innere von São Paulo. Details siehe Die Ankunft in Brasilien.
Eine gemeinsame Überfahrt
Die Übereinstimmung in den Hamburger Listen ist einer der wichtigsten bisher gesammelten Belege: Es handelt sich nicht nur um zwei Schweizer Familien, die später getrennt im Inneren von São Paulo auftauchten. Es gibt Dokumentation, dass Meyer und Murbach dieselbe Atlantiküberquerung, auf demselben Schiff, im Jahr 1852 vornahmen — und das Schweizer Auswanderungsregister bestätigt, dass auch Murbach-Familien aus Gächlingen 1852 nach Brasilien aufbrachen.
Man muss sich das Ausmass dieser Veränderung richtig vorstellen: Eine Familie, die eine kleine ländliche Gemeinde in der Schweiz verliess, durchquerte eine grosse deutsche Hafenstadt, überquerte den Atlantik und reiste nach der Ankunft in Santos noch weiter ins Landesinnere, in eine Kaffee-Region von São Paulo.
PDF Offizielles Dokument herunterladen — Staatsarchiv Hamburg, Passagierliste der Marbs (28.06.1852)Die Überfahrt in Bildern
Wir haben keine Fotografien der Familie Meyer oder Murbach während der Reise — aber diese zeitgenössischen Bilder anderer Auswandererüberfahrten nach Amerika helfen, sich die Erfahrung an Bord vorzustellen.